Mittwoch, 17. März 2010

Der Andere

Nun noch einmal etwas über den "Anderen".

Zum ersten Mal gesehen habe ich ihn im Gerichtssaal.
Ihm direkt ins Gesicht gesehen habe ich kaum oder gar nicht, ich kann mich nicht mehr erinnern.

Ich war fast geschockt, dieser Mann sieht so normal aus, eben wie ein Mensch.
Das war heftig, ich habe die vielen Monate nur ein vages Bild im Kopf gehabt, nachdem wir bei der Polizei ein Foto gesehen hatten.

So viele Stunden habe ich mit der Psychologin über ihn gesprochen.
Mich so oft gefragt, was er wohl für ein Mensch ist.
Ich hatte so eine wahnsinnige Angst und bin erleichtert.

Dieser Mann sah so schlecht aus, er ist in ganz schlechter Verfassung, physisch und psychisch.
Das was ich durch meine Medikamente an Gewicht zugenommen habe, hat er verloren.
Sogar seine Jacke schlotterte um seinen Körper herum.
Es war so ein trauriges Bild.
Dazu war er noch ganz alleine mit seiner Anwältin, keiner aus der Familie war bei ihm.

Als er aussagte merkte man, das diese Sache ihn sehr tief erschüttert (hat).
Er hat noch einiges Privates erzählt und ich bin so traurig, er hatte so eine harte Zeit im letzten Jahr. Kurz vor dem Unfall.

Als wir den Gerichtssaal verlassen hatten standen wir noch im Flur, ich musste mich erstmal wieder fassen.
Da kam er zu uns und hat versucht mit mir zu reden, aber ich habe das gar nicht richtig mitbekommen, auch nicht, dass er mich am Arm berührte und mit mir sprach.

Von seiner Seite aus, kam der Wunsch, ein persönliches Gespräch zu vereinbaren.
Das möchte ich auch.
Und das wird dann auch ein Punkt sein, bei unserem Termin nächste Woche.

Ich finde, es ist mir so wichtig, mit diesem Mann, durch den J starb zu sprechen.
Wie er so ist als Mensch, eben weil er durch den Unfall und Js Tod nun zu meinem/unserem Leben gehört.
Ich muss diesem Mann Platz in meinem Leben geben, sonst werde ich verrückt.
Ich möchte nicht in ein paar Jahren verbittert in meinem Leben gefangen sein und nur das Schlechte in jedem und allem sehen.
(Beim nochmal drüberlesen hört sich das wirklich schwülstig an, aber besser kann ich das nicht beschreiben. Ich denke, man kann rauslesen was ich meine.)

Gefühlsmässig geht es eigentlich mittlerweile ganz gut, diese Wut, die ich die letzten Wochen auf ihn hatte, ist weg.
Dafür ist noch viel mehr Schmerz da.
Weil ich jetzt weiss, dass der Mann sein Leben nicht mehr leben kann, wie es ein Mensch sich für das Alter wünscht. Und das tut mir so leid !
Er ist nur wenige Jahre jünger als meine Oma und mein Opa, seine Söhne sind nur wenige Jahre älter als J.

Er war auf dem Weg zu einem seiner Kinder, als der Unfall passierte...

Ich hoffe, wir beide können etwas besser/ruhiger leben, wenn wir dieses Gespräch hinter uns haben.

2 Kommentare:

  1. Dein Verlust tut mir so leid... aber irgendwie auch der Unfallgegner...

    so wie Du ihn beschreibst, ist er wohl nicht so ein kaltschnäuziger Jungspunt, der durch permanente Rücksichtslosigkeit auffällt...

    Eine Fehlentscheidung, die er begangen und dafür das Leben 2er Familien so beeinträchtigend nachhaltig verändert hat...

    Vielleicht ist ein offenes Gespräch wirklich gut... evtl. in einer neutralen Umgebung...

    Wünsche Dir und Deinen Kids weiterhin viel Kraft...

    GGGLG

    Andrea

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  2. Noch mal ich...

    eine gute Freundin hat ihren Mann nach nur knapp 1 Jahr Ehe verloren... sie war 19 mit einem 1jährigen Kind, er 21...

    es ist sicher kein Trost... aber ich denke oft auch an andere Schicksale, wenn es mir so schlecht geht... dann relativiert sich manches und ich komme besser damit zurecht...

    Im Grunde sollte man jeden Tag so nutzen wie er kommt... was die Zukunft bringt... wer weiß das schon...

    GGGGGLG

    Andrea

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