Ich bin alleine zum Anwalt gegangen und war eine knappe halbe Stunde vor dem Termin da, weil ich als Erste da sein "sollte", damit ich dann schon in dem Raum warten konnte und dort erst auf ihn treffe.
Vorher habe ich kurz mit dem Anwalt gesprochen, ob es noch irgendetwas gibt.
Ich hatte zwei Fragen zum Inhalt des Obduktionsberichts, dies wird er jetzt noch abklären.
Tja, und dann kam der (ich nenne ihn mal) Herr D. in den Raum, begrüsste uns mit Guten Morgen und wir setzten uns alle.
Dann hat der Anwalt erstmal ein wenig geredet und ihn auch angesprochen, er hat dann auch einiges erzählt.
Nach und nach ging es dann und ich musste nicht mehr so arg weinen und redete auch und erzählte ihm so über den Tag, also den 10. Juni, wie ich es erlebt habe.
Das ich erst abends um halb sechs erfahren habe, dass Jürgen tot ist.
Ich ihn dann um halb neun endlich sehen durfte.
Und mein Hauptanliegen, warum er sich so spät erst gemeldet hat.
Und ich weiss nicht, seine Antwort war eigentlich immer "davon wird er ja auch nicht mehr lebendig", "das bringt Ihnen den Mann auch nicht wieder zurück".
Er meinte, er hätte von den Kindern erst während der Verhandlung erfahren, aber das ist nicht möglich, das stand alles in der Akte, die auch seine Anwältin hat. Ebenso in den Briefen der Versicherungen und des Gerichts.
Also, insgesamt geblieben ist er eine knappe Dreiviertelstunde, es sah aus, als flüchtete er. Es kam so plötzlich.
Ich glaube, es war ihm zu viel, vor allem was ich erzählt habe.
Und auch an den Bildern, die ich mitgenommen habe.
Ich habe das Familienfoto von uns mitgenommen und das Album.
Auf der ersten Seite war das Bild von uns allen und auf den nächsten zwei Seiten waren Bilder von Jürgen, eins vom Mittwochabend, in Arbeitskleidung in dem Metallsarg und drei von Jürgen, als er fertig angezogen aufgebahrt war.
Ich hatte vorher gefragt, ob er sie ansehen möchte. Ich wollte ihm zeigen, wer Jürgen ist, wer er war.
Ich glaube es hat ihn erschlagen, was er alles erfahren hat.
Danach habe ich noch mit dem Anwalt zusammengesessen und wir haben noch eine knappe Stunde geredet und kamen doch zu keinem richtigen Gedanken, was wir nun davon halten sollen.
Da ging es, ich konnte nach Hause gehen, aber es hat in mir gebohrt.
Ich kam mir nicht ernst genommen vor.
Und je länger ich darüber nachdenke, finde ich, ich kann das einfach nicht so stehen lassen.
Am Mittwoch habe ich lange mit meinem Papa telefoniert und er meinte, wahrscheinlich war dieser Mann einfach geschockt.
Es war alles so grausam für ihn, dass er es erst verarbeiten muss. Und es ihm dann vielleicht in ein paar Wochen möglich ist, mit etwas Abstand noch einmal darüber zu reden.
Ich muss darüber nochmal mit S reden, was sie dazu sagt.
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Aus der Verhandlung wusste ich ja schon, das Herr D. zwei Söhne hat, die beide sogar älter sind als Jürgen.
Während des Gespräches beim Anwalt, erzählte er, dass einer seiner Söhne sogar Pastoralreferent ist.
Ich habe gestern nach ihm gegoogelt und ich dachte ich bekomme einen Schlag.
Dieser Mann ist tätig im Bereich Kindergärten, Jugendarbeit.
Zu diesem Sohn war Herr D. am Mittwoch unterwegs, als der Unfall passierte.
Mal sehen, vielleicht kommt von seiner Seite noch einmal etwas, wenn etwas Zeit vergangen ist.
vor 2 Jahren

